| schreibt: In der Nähe der Festspielstadt Bayreuth wird ein Einrichtungsstil gepflegt, den man als nüchterner Norddeutscher als überkandidelt bezeichnen würde. Allerdings wird mancher gerade so ein Ambiente schätzen.
Bei leerem Restaurant konnten wir zwischen Restaurant und Posthalterstube frei wählen, das Essen sei sowieso das gleiche, wurde uns beschieden. Man musste aber trotzdem (das Restaurant blieb auch während unseres Essens leer) erst eine Weile forschen, ob wir einen Tisch bekommen könnten.
Da wir nach dem Essen noch weit fahren mussten, wählten wir als Aperitif einen frischgepressten Orangensaft.
Im Angebot war nur ein Viergangmenu mit mehreren Auswahloptionen (3 Varianten Vorspeise, dann 1 Variante Fisch, dann 3 Hauptspeisen und 4 Desserts), deutlich weniger als im Webauftritt angepriesen, hier wurde mit 8-10 Optionen pro Gang gelockt. Das ganze zum Preis von €98. Selbstverständlich könne man einzelne Gänge weglassen, dies würde sich entsprechend auf der Rechnung niederschlagen.
Wir wählten als Vorspeise eine Karottensuppe mit Melonen und Scampi bzw. "Das Gedicht an die Gänseleber von Richard Wagner". Meine Frage, ob es sich hier um Stopfleber handele, wurde verneint, es sei eine Terrine von Gänseleber (die sich hinterher natürlich doch als Gänsestopfleber herausstellte). Das macht mir persönlich nichts aus, die Bedienung sollte das aber schon wissen, es gibt genug Leute, die sich an Stopfleber stören.
Es wurde 3 Brotsorten mit ungesalzener Butter gereicht, ein Amuse bouche gab es nicht. Natürlich hat man keinen Rechtsanspruch darauf, in einem Restaurant dieser Preisklasse ist das aber schon recht ungewöhnlich.
Als Mineralwasser wurde ein ungemein seifig schmeckendes Heilwasser gebracht (€10), daß wir letztendlich gegen stilles Apollinaris eintauschten (€9). Auf erneute Nachfrage hätte es auch noch San Pellegrino gegeben. Erst sollte es offen nur ein Silvaner zur Verfügung stehen, auf Nachfrage tauchte dann aber ein exzellenter fränkischer Riesling auf.
Die Vorspeisen schmeckten beide ausgezeichnet, allerdings muß man schon den überstrapazierten Begriff "übersichtlich" für die Portionsgrößen bemühen. Zwei Scheiben Terrine von ca. 4 x 3 cm Größe und ca. 8 mm Dicke, dazu zwei hauchdünne Pfirsichspalten, drei Kaiserschoten und eine fette Scheibe Toast (frisch). Das hätte einem 8-Gangmenü gut angestanden.
Den Fisch (Rotbarbe auf der Haut gebraten) hatten wir ausgelassen, die Hauptgerichte waren wiederum gut aber nicht sensationell. Das fränkische Täubchen (minimal zäh) kam mit dem hier unvermeidlichen rohen Kartoffelkloß, dem ohne neue Ideen auch der beste Koch keine neuen Aspekte entlocken wird. Wenigstens gab es statt dem regional üblichen fetten Wirsingpamps blanchierten Spinat. Das Kalbsfilet war exzellent und auf den Punkt, der Wildreis dazu leicht angebraten und genau richtig weich, der Kohlrabi knackig. Leider lag das Fleisch in einer sehr dill-lastigen grünen Soße.
Das Dessert (Sorbet mit Beeren) war lecker, allerdings war das Maracujasorbet recht süß. Dafür entschädigten Himbeere und Mango mit der richtigen Balance aus süß und sauer. Der Espresso war schön heiß und etwas lasch. Leider fiel der Bedienung erst nach dem Kaffee ein, daß dazu noch Patisserien gereicht werden.
Was bleibt als Fazit? Für gutes Essen gutes Geld zu bezahlen hat mich noch nie gereut - hier kam ich mir aber wirklich abgezockt vor. Für zwei spärliche 3 Gänge Menüs, 2 Flaschen Wasser, einen Espresso, zwei O-Säfte und ein 1/8 Riesling haben wir deutlich über €200 bezahlt (Der Nachlaß für den Fischgang entpuppte sich als €10 pro Person). Zu dem Preis würde ich kreative Spitzenküche auf allerhöchstem Niveau erwarten (einschließlich ein Amuse bouche mit "wow"-Faktor), sowie absolut perfekten Service.
Die Küche war aber gehobene Regionalgastronomie mit etwas Pfiff (Wassermelonenbällchen in der Suppe, Pfirsich zur Stopfleber, Dill zum Kalbsfilet) allerdings handwerklich gut ausgeführt. Der Service war bemüht aber nicht immer erfolgreich.
Definitiv ein Restaurant für Leute, denen Geld wirklich völlig egal ist. Rückkehrwahrscheinlichkeit: 0.
|| Essen: 3 Punkte, Bedienung: 2 Punkte, Ambiente: 3 Punkte, Sauberkeit: 4 Punkte, Gesamt: 3 Punkte |